Eine einzige Fehlorientierung bringt Philip in Lebensgefahr: Plötzlich steht er auf aktiven Bahngleisen, ohne zu begreifen, wie nah er der Katastrophe ist. Passanten alarmieren die Rettungskräfte, während jede Sekunde zählt. Der Einsatz wird zu einem Wettlauf gegen die Zeit, in dem Chaos, Panik und verzweifelte Versuche, sein Leben zu retten, ineinander übergehen. Für alle Beteiligten wird diese Nacht zum traumatischen Wendepunkt, der lange nachhallt.

Kiel. Ein junger Mann kämpft um sein Leben, nachdem ein folgenschwerer Sturz in den Bahngleisen des Kieler Hauptbahnhofs ihn für immer veränderte. Unter starkem Drogeneinfluss stolperte der 26-jährige Philip direkt vor einen langsam anfahrenden Zug. Die dramatischen Folgen dieses Moments lasten nun schwer auf seiner Zukunft.
„Ich bin halt vor Zug gestolpert, sage ich mal, ganz doof“, beschreibt Philip den Vorfall mit beklemmender Nonchalance. Der Unfall geschah auf dem Weg zu einem Snackautomaten, eine alltägliche Handlung, die in einer Katastrophe endete. Eine Mischung aus Benzodiazepinen und Alkohol hatte ihn desorientiert gemacht.

„Der Zug ist genau in dem Moment da lang gefahren, wo ich halt auch gestolpert bin“, erzählt er weiter. Drei Versuche, sich zu retten, scheiterten. Stattdessen rutschte er immer tiefer in den Spalt zwischen Zug und Gleis. Der Zug zog ihn etwa 20 bis 50 Meter mit, bevor er liegen blieb.
Die Verletzungen sind gravierend: Philip verlor einen Finger vollständig und einen weiteren zur Hälfte. Schlimmer noch: Sein Bein musste amputiert werden. Im Krankenhaus realisierte er die Tragweite erst durch die Worte der Ärzte. „Da dachte ich nur nein, bitte nicht. Das ist nur ein Traum.“
Philips Weg in die Abhängigkeit begann Jahre zuvor. Mit 19 flog er von zu Hause raus, seitdem bestimmten Drogen seinen Alltag. „Ich kriege mein Geld, dann mache ich groß Party und nach zwei Tagen ist mein Geld dann schon weg. Leider alles für Drogen halt weg direkt“, beschreibt er seinen Kreislauf.
Der Kontakt zur Familie ist nahezu abgebrochen. Seine Eltern wollen nur etwas mit ihm zu tun haben, wenn er den Konsum einstellt. Sehenden Auges rutschte er tiefer in die Szene. „Irgendwann kann ich nichts mehr machen“, gesteht er die Hilflosigkeit.
Seit der Amputation leidet Philip unter Phantomschmerzen. Dennoch betrachtet er sich als Glück im Unglück, da aufgrund des verbliebenen Stumpfes eine Prothese möglich ist. Die Rehabilitation und die Anpassung des Hightech-Ersatzes stehen nun im Mittelpunkt.
Doch ein weiterer Schicksalsschlag lastet auf ihm. Sein bester Freund Lenox, eine Art Ersatzfamilie und laut Philip der einzige Mensch, dem er zu 100% vertraute, starb vermutlich an einer Überdosis. Richter hatten Philip bereits 2021 vor dem Kontakt zu Lenox gewarnt.
„Sie müssen sich lösen“, rieten sie. Philip gelang es nicht. Der Verlust trifft ihn tief. „Wir hatten coole Zeiten“, sagt er. Eine kurzzeitige Stütze fand er in der 18-jährigen Hayy, doch auch dieser Kontakt brach ab. In der Szene sind dauerhafte Bindungen selten.
Trotz der traumatischen Erfahrung und des warnenden Beispiels seines Freundes ist Philips Sucht weiterhin allgegenwärtig. Wenige Tage nach dem Treffen für die Dokumentation wird er erneut mit seinem Dealer gesehen. Die Szene im Kieler Stadtteil Gaarden ist bekannt.
Der Vineta-Platz gilt als Brennpunkt. Die Polizei fährt regelmäßig Streife, schätzt jedoch, dass die Dealer bis zu 400 Mal pro Tag angerufen werden. Philip konsumiert nach eigenen Angaben weiterhin Crack, Methadon und Benzodiazepine.
„Die Sucht wiegt offenbar schwerer als der Schock über den Verlust seines Beins“, lautet die ernüchternde Einschätzung aus seinem Umfeld. Dennoch gibt Philip an, seinen Konsum reduzieren zu wollen. Sein Fokus liege nun auf der Prothese.
Seine unmittelbare Zukunft ist ungewiss. Nach der Entlassung lebte er zunächst in einem barrierefreien Hotelzimmer. Die Reha steht an. Ob er der Szene dauerhaft entkommen kann, bleibt fraglich. Der Verlust des Beines war ein schockierender Weckruf, doch die Abhängigkeit sitzt tief.
Die offene Drogenszene in Kiel-Gaarden stellt die Behörden vor große Herausforderungen. Philips Fall ist ein extremes, aber kein Einzelschicksal. Er zeigt die zerstörerische Kraft der Sucht, die Gesundheit, Familie und Zukunft binnen weniger Jahre unwiederbringlich fordern kann.
Experten warnen seit langem vor den Risiken von Polytoxikomanie, dem Konsum verschiedener Substanzen gleichzeitig. Die von Philip beschriebene desorientierende Mischung aus Benzodiazepinen und Alkohol ist besonders tückisch und führt häufig zu Unfällen.
Philips Geschichte wirft ein grelles Licht auf die prekären Lebensumstände in Teilen der Gesellschaft. Sie ist eine Abfolge von Verlusten: der Wohnung, der Familie, der Gesundheit, des besten Freundes und schließlich der eigenen Unversehrtheit.
Sein Kampf ist noch lange nicht vorbei. Die Prothese symbolisiert Hoffnung auf ein Stück Mobilität und Normalität. Der innere Kampf gegen die Sucht wird jedoch der weitaus schwierigere sein. Die Frage, ob der Schock des Unfalls langfristig schwerer wiegt als die Sucht, bleibt offen.